Wirtschaftsfaktor Patriotismus – Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung

Wirtschaftsfaktor Patriotismus – Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung

Unter diesem für deutsche Verhältnisse geradezu provokativen Titel hat der Journalist Henrik Müller seine Beobachtungen über die Verbindung von Wirtschaft und Patriotismus zu Papier gebracht. Müller ist geschäftsführender Redakteur des Manager Magazins, einer Wirtschaftspublikation der Spiegel-Grruppe:
„Irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten haben die Bewohner der Bundesrepublik den Glauben an sich selbst verloren. Nicht unbedingt jeder an sich persönlich, sondern eher den Glauben an die Leistungsfähigkeit des Landes – das Vertrauen in die Kraft der eigenen Gesellschaft, der Wirtschaft. Der Nation, wenn man so will. Längst ist die Krise kein technisch-ökonomisches Problem mehr, das sich mit eiligem Drehen an einigen Stellschrauben des volkswirtschaftlichen Apparats beheben ließe. Sie ist ein chronifiziertes mentales Leiden, und zwar ein kollektives.“

Der Autor selbst hat mit dem Patriotismus so seine Probleme: “Vaterlandsliebe kann er nur sehr schwer nachempfinden“. Es ist also nicht der Wunsch nach mehr Patriotismus, der ihn dazu gebracht hat, seine Gedanken auf Papier zu bringen, sondern seine Beobachtungen über die Auswirkungen von mangelndem Patriotismus in der Gesellschaft auf die Wirtschaft:
„Großbritannien, Österreich, Irland, Frankreich – viele westeuropäische Nachbarländer sind inzwischen reicher als die BRD. Sie haben ein größeres Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, und die Wohlstandslücke gegenüber Deutschland wird immer breiter. Aber die Bundesrepublik, das einstige Wirtschaftswunderland, verharrt – verängstigt, erstarrt, weinerlich auf sich selbst bezogen.“ (…) „Wir haben keine stabile positive kollektive Identität. Und das ist ein Problem, nicht zuletzt ein ökonomisches“. Denn: „Eine Gesellschaft, die keine Ziele hat, wird auch nirgends ankommen“.
Seine Antwort lautet: „Patriotismus ist im globalen Wettbewerb ein entscheidender Erfolgsfaktor.“ Denn: „Nationalstaaten sind nach wie vor die entscheidenden Spieler in der Welt. Wie gut sich eine Gesellschaft im Wettbewerb der Standorte schlägt, hängt vor allem von nationalen Entscheidungen und Verhaltensweisen ab. Nationen, die die Spielregeln des globalen Wettbewerbs akzeptieren, die konsequent ihre Möglichkeiten nutzen und die Risiken frühzeitig erkennen, haben gute Chancen, zu den Gewinnern zu gehören.“ Jedoch: „Eine Gesellschaft, der diese Zusammenhänge nicht mehr bewusst sind, hat ein Problem – nicht nur ökonomisch, sondern auch mental.“
Müllers Buch wirft viele richtige Fragen auf und zerrt Themen in den Vordergrund, die so nicht in die Wahrnehmung vieler Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft passen wollen. Er beschreibt die Probleme exzellent, greift jedoch bei den Schlussfolgerungen zu kurz. So zum Beispiel: „Die BRD sollte sich regionalisieren. Die Loyalitäten der Bürger liegen eher bei der Region als bei der Nation, also sollte man aus diesem scheinbaren Defizit eine Tugend machen und die föderalen Strukturen stärken. Ironisch überspitzt ausgedrückt: Zerschlagt die BRD!“
Aber: Schon die historische Betrachtung dieses Vorschlages führt diesen Vorschlag ab absurdum. Europa braucht ein starkes Deutschland, aufgebaut auf starken Regionen. Die Rückkehr zur Kleinstaaterei, oder auch zur regionalen Stärkung erwies sich in der Vergangenheit immer als nachteilig für die deutschen Gebiete.
Weiterhin klammert er die europäische Dimension aus. Die Globalisierung hat uns in eine Phase gebracht, in der selbst vom Selbstverständnis her eher weniger belastete Staaten wie Frankreich und England die Herausforderungen der Globalisierung nicht mehr alleine stemmen können. Natürlich ist das Projekt der Europäischen Verfassung eine Niederlage gewesen. NA UND? Die großen Projekte in der Geschichte der Menschheit sind nie nur durch eine Reihe von Siegen und Erfolgen entstanden, Rückschläge gab es immer. Europa ist durch den bereits globalisierten Wettbewerb nicht nur mehr Wunsch, sondern Notwendigkeit geworden. Der Motor Europas war schon immer das deutsch-französische Tandem. Eine „Zerschlagung der BRD“ ließe auf dem europäischen Festland ein starkes Frankreich gegenüber einem zerstückelten Deutschland übrig, d.h. konzentrierte politische Macht auf der einen Seite des Rheins gegenüber zersplittertem Einfluss auf der anderen Seite. In Brüssel wird heute viel mehr „Politik“ gemacht, als man vermutet. Wir können uns somit keine Zersplitterung der Kräfte erlauben, da sonst die Interessen anderer Mitgliedsstaaten zwangsläufig die deutsche Politik mehr mitbestimmen könnten, als uns lieb sein kann. Der Flickenteppich „Deutschland“ kann deshalb kein Ziel sein, weder für uns Deutsche, noch für die Franzosen, auch wenn diese sich dessen nicht immer bewusst sein mögen. Denn erstens würde Frankreich schwer ein Konzept der Regionen akzeptieren und zweitens einen starken Partner verlieren.
Was also tun? Es wird uns zwangsläufig gar nichts anderes übrig bleiben, als im Wissen um die Vergangenheit nach vorne zu schauen. Denn: „Niemandem wäre daher im freien Teil Europas gedient, wenn die Deutschen in Unfrieden mit ihrer eigenen Geschichte lebten, wenn die Deutschen auf Dauer mit dem Stigma einer kriminalisierten Geschichte leben müssten, wenn das Geschichtsbewusstsein der Deutschen sich über Generationen hinweg nur auf die sogenannte „Bewältigung“ einer Summe gescheiterter Versuche mit der Demokratie, auf Katastrophen und Verbrechen beschränkte, angesichts derer dann doch nur noch Trauerarbeit geleistet werden könnte – wenn die Deutschen also nicht nur unfähig wären, mit ihrer eigenen Geschichte zu leben, sondern dadurch auch unfähig wären, ihre staatliche, ihre gesellschaftliche, ihre nationale Zukunft in Freiheit zu gestalten und so die freiheitliche Zukunft Europas mitzugestalten.“, so Franz-Josef Strauss.
Henrik Müller: “Wirtschaftsfaktor Patriotismus. Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung”. Eichborn, Frankfurt a. M. 2006

 

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