Menschen führen – Leben wecken

Menschen führen – Leben wecken

Autor: Anselm Grün, Cellerar des Klosters Münsterschwarzach
Verlag: dtv (Taschenbuch)
Ausgabe: 2. Auflage 2006

Anselm Grün, geboren 1945, ist Benediktinermönch und Autor zahlreicher Bestseller. Als Cellerar der Abtei Münsterschwarzach ist er verantwortlich für über 20 Betriebe mit rund 300 Mitarbeitern. Er gehört zu den meistgelesenen christlichen Autoren der Gegenwart und wird von vielen deutschen Topmanagern als geistlicher Beistand geschätzt.

Ein Cellerar ist, insbesondere in den nach den benediktinischen Regeln geführten Klöstern, sowie auch in Stiften und Domkapiteln, der oder die für die wirtschaftlichen Belange des Klosters bzw. Stifts/Kapitels Zuständige ….“

Quelle: Wikipedia

Benedikt von Nursia (italienisch San Benedetto di Norcia; * um 480 in Nursia bei Perugia; † 21. März 547 auf dem Monte Cassino bei Cassino) war ein Einsiedler und Abt. Er lebte in der Zeit des Übergangs von der Spätantike zum Frühmittelalter. Auf ihn geht das nach ihm benannte benediktinische Mönchtum zurück, dessen Regel, die Regula Benedicti, von ihm verfasst wurde. Er gründete Montecassino, das erste Benediktinerkloster. In der orthodoxen, armenischen und katholischen Kirche wird er als Heiliger verehrt, auch in der evangelischen und anglikanischen Kirche gilt er als denkwürdiger Glaubenszeuge.“ 

Quelle: Wikipedia

Führen ist für Anselm Grün eine spirituelle Aufgabe. Nach der Regel des Benedikt von Nursia, dem Gründer des Benediktinerordens, beschreibt er den Verantwortlichen als einen Menschen, der mit sich selbst ausgesöhnt hat und in seiner Mitarbeitern Lebendigkeit und Freude zu erwecken vermag. Denn alle Bemühungen um Effizienzsteigerungen bleiben fruchtlos, wenn es nicht gelingt, das Unternehmen in einen Ort der Inspiration und Ermutigung zu verwandeln. Menschliche Reife, Bescheidenheit, Hingabe, Wertschätzung, das rechte Maß – dies und vieles mehr sind die besten Voraussetzungen, um die Weichen für eine erfolgreiche und von Stabilität geprägte Zukunft zu legen. … Ein Unternehmen, das ohne eine Vision arbeitet, kann leicht kurzfristig Erfolg haben. Aber schon nach kurzer Zeit wird es Probleme bekommen. Wer seine Mitarbeiter inspiriert, wer ein >Heiligtum< schafft, in dem die Seele beflügelt wird, wird immer wieder auch die Bedürfnisse der Menschen ansprechen und wirtschaftlich florieren.“ Seite 3.

Anselm Grün überträgt die auf den Cellerar bezogenen Regeln des heiligen Benedikt in unsere heutige moderne Sprache. Dadurch erschließt er sie einem interessierten Publikum. Welche Bedeutung haben diese 1.500 Jahre alten Regeln für die heutige Zeit? Das ist die spannende Frage für jeden Entscheider und Unternehmer? Welche Bedeutung haben christliche Werte und Regeln in marktwirtschaftlich ausgerichteten Unternehmen?

Sind die Regeln nicht eher ausschließlich klösterlichen Gemeinschaften vorbehalten?

Die Antwort lautet: Nein! Die Regeln haben universell Gültigkeit und sind auf jedes moderne Unternehmen übertragbar. Wer sich auf sie einlässt, erhält Handreichungen und Anleitungen für einen menschlichen Umgang mit den Mitarbeitern. Dieses deutsche Wort – Mit-Arbeiter – bezeichnet eine Arbeitskraft, einen Produktionsfaktor, der auf einer Stelle gemäß Arbeitsvertrag weisungsgebunden Arbeiten zu verrichten hat, gemäß Stellenbeschreibung. Viele Manager betreiben mit diesen Mit-Arbeitern „Management by Tischfußball“ (Jürgen Fuchs) – Stangen im Kreuz – auf einer Stelle hin und her wippen, nicht von der Stelle kommen, der Verfügungsgewalt des Vor-Gesetzten ausgeliefert. Dabei wird übersehen, dass die Mit-Arbeiter tatsächlich Menschen sind, nach der christlichen Vorstellung als Ebenbild Gottes geschaffen, mit Geist und Spirit ausgestattet, voller Tatenkraft, aber auch mit Erwartungen ausgestattet. Anselm Grün erschließt einen Weg, wie wirksame Führungskräfte zunächst zu sich selbst gelangen und Frieden zu sich selbst finden können, die Voraussetzung für einen friedlichen Umgang mit anderen Menschen. Auf dieser Grundlage kann nach dem Vorbild der Benediktinischen Regel menschliche und ethisch verantwortete Führung gelingen, in der sich die anvertrauten Menschen sicher und geborgen fühlen, zugleich eine an Werten ausgerichtete Orientierung finden, die sie zu Spitzenleistungen befähigt, frei von Druck und Angst, befreit von den Stangen im Kreuz.

Wer sich mit Anselm Grün auf diese Reise macht, benötigt De-Mut, ein Mut, zunächst in sich hineinzuhorchen, auf Macht- und Statussymbole zu verzichten, weniger Chef zu sein, dafür geachtet von den anvertrauten Menschen, Arzt und Helfer. Verantwortlich wirkende Menschen wiederum verschaffen ihrem Chef dann den Freiraum, den er für die eigentlichen Aufgaben benötigt.

Neu gewonnene Freiräume fördern zudem die p0ersönliche Balance und sind die Voraussetzung für das Gelingen sozialer Beziehungen, z. B. mit Freunden oder in der Familie. Beruf und Privatleben erhalten eine neue Chance. Nur wer das Leben nicht vergisst, kann wirksam werden, für sich und für andere.

Darin liegt das von Anselm Grün unterbreitete Angebot.

Der Autor begleitet den Leser behutsam und zugleich einfühlsam auf diesem Weg. Das Buch ist mit ca. 130 Seiten überschaubar. Die konsequente Orientierung an der Praxis lässt keine Langeweile aufkommen.

Ein Muss für wirksame Führungskräfte.

Die Ablichtung der nachfolgenden Leseprobe erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Menschen lieben

Hier sind wichtige Grundsätze für die Menschenführung beschrieben. Da gilt zunächst das Wort, das Benedikt im Anschluss an Augustinus formuliert, dass der Abt das Böse hassen, aber die Brüder lieben solle. Es geht nicht um einen Laissez-faire-Stil der Führung. Denn das wäre ein Zeichen der Schwäche. Aber der Abt muss genau unterscheiden zwischen Person und Sache, zwischen dem, was nicht stimmt, und den Menschen, die von den Mechanismen des Bösen bestimmt werden und sich in eine falsche Richtung ziehen lassen. Bei aller Korrektur muss der Verantwortliche immer auch die Menschen lieben, die er korrigiert. Er muss ihnen zutrauen, dass sie es eigentlich gut meinen und nur aus Unwissenheit in die Irre gegangen sind. Aber die Liebe allein genügt nicht bei der Menschenführung. Sie muss gepaart sein mit Klugheit. Er darf nicht zu viel des Guten tun. Das >ne quid nimis = nur nicht zu viel< ist ein volkstümliches Sprichwort. Der Verantwortliche braucht die Weisheit des Volkes. Das Volk weiß, dass alles Zuviel dem Menschen nur schadet. Die Mönche sagen, alles Übermaß stamme von den Dämonen. Wer zu viel verbessern will, verschleiert nur. Wer zu stark zurechtweist, der verletzt den Menschen. Die Psychologie (etwa Paul Watzlawick) spricht hier von dem Grundsatz des >immer mehr desselben<, der mehr Probleme schafft, als dass er sie löst. Wenn ich immer mehr Leistung verlange, immer größeres Tempo, immer höhere Produktion, immer mehr Umsatz, dann steht am Ende dieser Fahnenstange der totale Zusammenbruch.“ Seite 90 / 91.

Die eigene Gebrechlichkeit

Benedikt schärft dem Abt ein, er solle stets seiner eigenen Gebrechlichkeit misstrauen. Er weiß um die vielen Mönchgeschichten, in denen ein allzu strenger Mönch den jungen Mönch, der von seiner Sexualität angefochten wird, in Verzweiflung stürzt, weil er ihn zu hart anfasst. Oft genug zeigt sich dann, dass der, der so streng tadelt, selbst nicht halten kann, was er bei anderen einfordert. Es ist eine Erfahrungstatsache, dass die größten Moralisten nie das leben, was sie von anderen verlangen. Daher soll der Verantwortliche bei sich selbst genau hinschauen, ob er denn verwirklichen kann, was er von anderen fordert oder bei ihnen korrigiert. Heute klaffen der Anspruch vieler Manager an ihre Mitarbeiter und ihr eigener Lebensstil völlig auseinander. Aber kein Chef kann von seinen Mitarbeitern verbergen, wie er eigentlich lebt. Durch die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit werden die Mitarbeiter enttäuscht und demotiviert. Die Mitarbeiter ärgern sich besonders dann, wenn ein Chef von seinen Untergebenen alles verlangt und mit ihnen überstreng umgeht, sich selbst alles gönnt und sich an keine Moral hält. Wenn wir die Menschen genauer betrachten, die so rigoros mit anderen umgehen, so entdecken wir in ihnen oft, dass sie mit ihrer Strenge anderen gegenüber von ihren eigenen Schwächen ablenken möchten. Wenn ich um meine eigene Gebrechlichkeit (fragilitas = Hinfälligkeit, Unbeständigkeit) weiß, dann werde ich milder mit den Mitarbeitern umgehen, die einen Fehler gemacht haben. Ich werde mich nicht über sie stellen. Denn ich weiß, dass ich für mich selbst auch nicht garantieren kann. Aber ich darf die Zügel auch nicht einfach schleifen lassen. Ich darf nicht in einen Pessimismus verfallen, dass die Menschen halt alle von Grund auf böse sind, dass man bei verfahrenen Verhältnissen nichts machen könne. Solches Jammern hilft nicht weiter und ist nur Eingeständnis von mangelnder Führungsqualität.“ Seite 92 / 93

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