Blutige Befreiung – ungewisser Ausgang

Blutige Befreiung – ungewisser Ausgang

Vor zehn Jahren begann der Irakkrieg. Deutschland verweigerte die Beteiligung. Wohin das Zweistromland driftet, ist unklar
Vor etwas über zehn Jahren saßen die Iraker abends am Ufer des Tigris in Bagdad und es herrschte eine fatalistische Stimmung. Man wusste, dass der Krieg kommen wird, aber »Inschallah« (So Gott will), was sollte man tun? Auf der einen Seite die Großmacht, auf der anderen der Gewaltherrscher … Wenige Wochen später, am 20. März 2003, begann der Krieg der USA gegen den Irak mit einer »Koalition aus Willigen« und ohne UN-Mandat. In drei Wochen waren die irakischen Truppen besiegt und Saddam gestürzt.
Die Regierung des republikanischen US-Präsidenten George W. Bush hatte den Angriff mit der Behauptung begründet, Iraks Diktator Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. US-Außenminister Colin Powell machte sich in einer denkwürdigen Sitzung der UNO im Februar 2003 lächerlich, als er das zu belegen versuchte. Denn es gab weder ABC-Waffen im Land, noch gab es eine Verbindung zwischen Saddam und der Al Kaida um Osama bin Laden. Ein US-Untersuchungsausschuss bezeichnete die angeführten Motive für den Krieg im Juni 2004 als weitgehend haltlos.
Zehn Jahre später, nach dem Sturz des Diktators, einem blutigen Bürgerkrieg und bis zu 190 000 Toten stellt sich auch in den USA die Frage: War es überhaupt ein Sieg? Eine Frage, die sich bald auch in Afghanistan stellen wird, wenn die internationalen Truppen, darunter die Bundeswehr, vom Hindukusch abgezogen sein werden
Der irakische Diktator und seine Söhne waren für Hunderttausende von Toten verantwortlich. Saddam war grausam und führte sein Land 1980 unter anderem in den achtjährigen Krieg mit dem Iran. Von 1979 bis zu seinem Sturz im April 2003 beherrschte der sunnitische Bauersohn aus Tikrit seine Landsleute mit Gewalt und Schrecken. Er unterdrückte die schiitische Mehrheit im Irak und die kurdische Minderheit und setzte gegen sie sogar Giftgas ein. 1990 stürzte er das Land in einen weiteren Krieg, als er Kuwait besetzte. Seine Truppen wurden 1991 von einer ebenfalls US-geführten Koalition unter George W. Bush Vater, US-Präsident George Bush, vertrieben. Harte UN-Sanktionen und eine Flugverbotszone isolierten das Land. 2003 begann der nächste Krieg. Nach seinem Sturz tauchte Saddam unter. Monate später zogen ihn US-Soldaten aus einem Erdloch. Ein irakisches Gericht verurteilte ihn 2006 zum Tod durch den Strang. Das Urteil wurde vollzogen.
Deutschland beteiligte sich nicht am Irakkrieg: Kurz vor Beginn stellte Bundeskanzler Gerhard Schröder noch einmal klar: »Wir sind zu Solidarität bereit. Aber dieses Land wird unter meiner Führung für Abenteuer nicht zur Verfügung stehen.« Deutschland hatte sich nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 klar zur Hilfe im Kampf gegen den Terrorismus bekannt und auch Soldaten nach Afghanistan geschickt. Aber der Irak war eine andere Sache. Erstmals in der Nachkriegsgeschichte stellte sich Deutschland eindeutig gegen die USA.
Mit Saddams Sturz war ein Kriegsziel erreicht. Außerdem hatte Bush den abgebrochenen Krieg seines Vaters von 1991 zu Ende gebracht. Gleichzeitig verschaffte er seiner politischen Seilschaft wirtschaftliche Vorteile. Doch der Krieg im Irak ging nach dem Sieg in einen grausamen Bürgerkrieg über, der die Al Kaida-Terroristen erst ins Land brachte. Gräueltaten, viele tote Zivilisten und der Folterskandal im Gefängnis Abu Ghraib ließen die Kampagne zur Eroberung der Herzen der Menschen verpuffen. Das Gegenteil war der Fall. 2011 verließen Amerikaner und Briten schließlich den Irak.
Heute genießen viele Iraker Freiheiten, aber das Zweistromland ist gefährlich instabil und unsicher. Es ist weder demokratisch noch eine Diktatur, und die Gesellschaft ist ethnisch und religiös Grenzen zutiefst gespalten. Die Christen sind fast alle aus dem Land geflüchtet. Und als Folge des Syrien-Bürgerkriegs hat auch im Irak die Zahl der Anschläge wieder drastisch zugenommen. Die Sicherheit im Irak ist nicht gewährleistet, viele Menschen sind zutiefst verbittert. Es grassieren Korruption und Vetternwirtschaft, von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kann allenfalls bedingt die Rede sein, und der schiitische Ministerpräsident regiert inzwischen mit bedenklich autoritärer Hand.
Wieder sitzen die Iraker abends am Tigris und warten auf das, was kommt. Was, das wissen sie nicht, aber ein arabisches Sprichwort lautet: »Freue dich nie, dass jemand weggeht, ehe du nicht weißt, wer sein Nachfolger wird.«

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