„Ich bin Gott“: eine Sittengeschichte der Finanzbranche

„Ich bin Gott“: eine Sittengeschichte der Finanzbranche

Nein, das Buch des Wirtschaftsethikers Nils Ole Oermann heißt anders: „Tod eines Investment Bankers“. Aber der Satz „Ich bin Gott“ als Antwort auf die Frage eines Brokers, wer er denn sei, kommt darin vor. Gesprochen wird er von Edson Mitchell, dem – bisher außerhalb von Fachkreisen – weithin unbekannten Mann, der Ende der neunziger Jahre das Investmentbanking der Deutschen Bank aus der zweiten Reihe in die Top-Liga der Finanzindustrie führte.

Was Oermann mit dem flott geschriebenen Band unternimmt, ist, knapp formuliert, eine Anthropologie der Finanz- und Wirtschaftskrise, exemplifiziert an der Biographie Mitchells, der im Jahr 2000 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Dieses Vorgehen macht die Stärke des Ansatzes aus, denn Mitchell war nicht irgendein Investmentbanker. Mit seinem Namen verbindet sich der Aufstieg der Deutschen Bank zu einem wichtigen „Player“ in diesem Geschäft und, das macht Oermann sehr deutlich, man darf in ihm wohl einen wesentlichen Mentor des heutigen Co-Vorstands Anshu Jain sehen.

Zwei Kerngedanken werden vom Autor dabei immer wieder reflektiert. Der Umgang von Investmentbankern mit dem Geld anderer Leute – bis hin zu den hinlänglich bekannten Interessenkonflikten zwischen Geschäften für Kunden und dem Eigenhandel von Finanzinstituten, der oft genug einer komplizierten und sehr lukrativen Wette gegen dieselben Kunden gleichgekommen sein soll. Wie hat Mitchell einmal versucht, seinem Schwiegervater zu erklären, was er berufliche mache? „I buy and sell money, other people´s money.“ Wie in einem Brennglas, gelingt es dem Verfasser, mit solchen Sätzen Szenen heraufzubeschwören, die in Erinnerung bleiben und auf der persönlichen Ebene ein Bild, fast möchte man sagen, ein Symbol der Finanzkrise entstehen lassen.

Als zweites konzentriert sich der Autor auf das Selbstverständnis im Investmentbanking, dem er über den Vergleich mit den spanischen Eroberern im 16. Jahrhundert auf die Spur zu kommen versucht. Eigentlich sollte das Bändchen auch einmal „Die modernen Konquistadoren“ heißen, doch der Verlag habe mit der Begründung abgewunken, heutzutage wisse kein Leser mehr, was das denn bedeute. Zur Sache schreibt Oermann mit klarem Blick für den entscheidenden Punkt: “Menschen zu motivieren, das zu tun, was er wollte: dies war eine wesentliche Qualität Edson Mitchells. Mitchell gewann durch sein Charisma und ganz handfest dadurch, daß er sich wie jeder Konquistador Zugriff auf die Schatztruhe sicherte, um die Leistungen der vom ihm angeworbenen Mitarbeiter weit über dem Niveau anderer Marktteilnehmer mit Gehältern und exorbitanten Boni zu vergüten.“

Dies wiederum hat für beide Seiten Vorteile. Denn als Bank wird man einen hoch aufstiegsmotivierten modernen Cortez oder Pizarro auf diese Weise ganz leicht wieder los, wenn die Erfolge sich nicht, wie geplant, einstellen. Die zündende Erkenntnis aus der Bankenkrise ist jedoch, daß es richtig brisant wird, wenn, um im Bild zu bleiben, die Entdeckungsreise nach Eldorado gelingt! Und die Frage ist sicher berechtigt, ob jedem Private Banking-Kunden so klar ist, was da alles in seiner Universalbank unter einem Dach passiert.

Ist alles so gewesen? Wir wissen es nicht und bei aller Stärke in der argumentativen Kraft birgt der biographische Ansatz, der in der Geschichtswissenschaft wohl eher etwas „aus der Mode“ gekommen scheint, auch konzeptionelle Schwächen.

Aber die typologische Verdichtung erlaubt prachtvolle und klare Thesen, die für eine Diskussion, wie ein zukünftiges Finanzwesen aussehen soll, sehr fruchtbar sind. Auch deshalb, weil Oermann nicht als Kapitalismus-kritischer Feuerkopf auffällt, sondern um den Nutzen bestimmter Dienstleistungen eines weltweit aufgestellten Investmentbankings weiß.

Deshalb sind die regulatorischen Hinweise, die „Tod eines Investment Bankers“ liefert, ziemlich eindeutig ausgefallen: kein „Investment Banker-TÜV“ oder irgendeine Bürokratie, sei es in Berlin, Frankfurt oder Brüssel, wird ernsthaft und mit Aussicht auf Erfolg eine globale Leistungselite von Menschen kontrollieren, die einer der Interviewpartner des Verfassers knapp als „aggressive, but in a positive way“ charakterisiert.

Am Ende könnte das Credo des „Other people´s money“ (OPM) der Hebel sein, auf den es ankommt. Geschäfte machen ja, aber nie mit eigenem Risiko und nie mit eigenem Geld. Nicht zufällig wirft Oermann an dieser Stelle einen Blick zurück in die Geschichte: „Deutlich nachhaltiger klingt etwa der Vorschlag von Ökonomen, auf staatliche Regulierung der Banken weitgehend zu verzichten, wenn diese im Gegenzug für ihre Geschäfte deutlich mehr echtes Eigenkapital vorhalten. (…) „Jakob Fugger, „der Reiche“, verzehnfachte im 16. Jahrhundert das Eigenkapital seiner Firma, meist solide vorgehalten in Rohstoffen aus seinen Minen vor allem in Tirol und Ungarn“ (S. 106-107).

Wen die akademische und multiperspektivische Variante von Oermanns Buch interessiert, sollte zusätzlich zum Sammelband „Towards a Socioanalysis of Money, Finance and Capitalism“ greifen: substantiell, Fußnoten-gestählt, aber eben auch ein deutlich weniger informatives Lesevergnügen – und viel teurer!

Bibliographische Daten: Nils Ole Oermann. Tod eines Investment Bankers. Eine Sittengeschichte der Finanzbranche. Freiburg: Herder, 2013. Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.

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