Geschichten aus dem Dschungel: Der Affen-Träger

Geschichten aus dem Dschungel: Der Affen-Träger

Es war einmal ein Chef, der wollte seinen Job ganz richtig tun. Dabei merkte er nicht, wie die Mitarbeiter ihm mit jeder Frage einen Affen auf die Schulter setzten: “Kann ich in sechs Wochen in Urlaub gehen?” “Ich muß morgen schon um fünfzehn Uhr gehen. Geht das?” “Ist das Angebot so okay?” “Darf ich auf den Kurs XYZ? Der Müller war auch schon drauf.” “Am nächsten Wochenende ist Bereitschaft. Wer soll das machen?” “Können Sie diesen Brief eben unterschreiben? Da muß ja eine Zweitunterschrift drunter. Es ist sonst keiner da.”

Und unser Chef fühlte sich so richtig wichtig. Er sah all die Affen nicht, ging aber schon ganz gebeugt unter der Last des schweren Amtes. Er nannte es “Verantwortung”, die ihn drückt. Aber in Wirklichkeit waren es die Affen auf seiner Schulter. Der Schreibtisch bog sich und das Telefon lief heiß. Er war so richtig beschäftigt mit vielen Unterschriftsmappen, Überstundenanträgen, Vertretungsregelungen und den vielen Prüfungen. Er musste so viel abzeichnen, mitzeichnen, unterzeichnen, gegenzeichnen, abstimmen, abklären, erklären, verklären und kontrollieren, daß er in seinen zwölf Bürostunden keine Zeit mehr hatt:

  • zum Nach-Denken oder sogar zum Vor-Denken
  • zum Gestalten
  • zum Ent-Fesseln seiner Leute und
  • zum Begeistern für eine tolle gemeinsame Zukunft.

All die Akten verstellten ihm den Blick fürs Ganze und auch den Weitblick.

Das Ergebnis war klar: Die Mitarbeiter lästerten in der Kantine über ihren Chef: “So eine blöde Arbeitseinteilung. Wir waren zu fünft am Samstag hier, obwohl doch schon Ferien sind. Das hätte der doch wissen müssen. Der blickt auch gar nichts mehr!” Der Chef vom Chef schimpfte auch über diesen Chef. Der Output und die Qualität der Abteilung ließen zu wünschen übrig. Kein Wunder bei so viel Verschwendung von menschlicher Energie, Zeit, Geld und Lebensfreude.
Es ist zwar Diebstahl, einem Menschen über achtzehn seine Entscheidungen abzunehmen. Aber ist es vielleicht Faulheit, seine Entscheidungen abzugeben? Ist es vielleicht Feigheit, seine Personalverantwortung abzugeben? Vielleicht ist es eine menschliche Schwäche, einem anderen den Affen auf die Schulter zu setzen: die Verantwortung abzugeben. Auf jeden Fall ist es grober Unfug, diese menschliche Schwäche in den Unternehmen systematisch zu unterstützen, statt die
menschliche Stärke, Verantwortung zu übernehmen, noch zu stärken.

Und wenn die Menschen nicht ihren eigenen Affen füttern,
dann macht der Chef noch heute den Affen für alle.

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