Saurier-Drama im Jurameer

Saurier-Drama im Jurameer

Ein völlig zerbissener Fischsaurier gibt Rätsel auf. Sonderausstellung im Urwelt-Museum von Holzmaden
Rolf Bernhard Hauff  vor einem fast acht  Meter langen, präparierten Fischsaurier. Das Urwelt-
Museum Hauff in Holzmaden   ist das größte, privat
geführte naturkundliche Museum Deutschlands, das
ohne staatliche Hilfe finanziert wird.

Ein Drama aus dem Jurameer, festgehalten in einer Schieferplatte. Paläontologen und Präparatoren sind begeistert. »Das ist wie bei der ersten Mondlandung. Was Sie da in die Hände bekommen, ist 180 Millionen Jahre alt und sie legen es frei und sehen es als Erster«, sagt Präparator Klaus Nilkens, seit mehr als 21 Jahren im Urweltmuseum Holzmaden beschäftigt und ein lebendes Urgestein des Museums, wie er selbst über sich sagt. Zurzeit können die Besucher das fossil festgehaltene Schicksal eines schwer malträtierten, drei Meter langen Fischsauriers (Ichthyosauriers) in einer Sonderausstellung bewundern. »Zerbissen, gefressen und wieder ausgespien«, sagt Museumsleiter Rolf Bernhard Hauff. »Es gibt tatsächlich diese fossilen Speiballen, wo die Saurier Nichtverdauliches wieder ausgespuckt haben, wie man das heute von Eulen und Greifvögeln kennt.«
Jagd im Jurameer. Fischsaurier (Ichthyosaurier)
haben den heutigen Delfinen sehr ähnlich gesehen.

Man vermutet, versucht zu deuten. »Wir wissen nicht, was damals geschehen ist.« Die Fischsaurier gehören allerdings aufgrund der fantastisch erhaltenen Funde von Holzmaden zu den am besten erforschten Sauriern weltweit. »Man kennt ihre Gestalt, ihren Körperumriss, man weiß, was sie gefressen haben und wie sie ihre Jungen auf die Welt gebracht haben.

Dieses Stück liegt dem Enkel des Museumsgründers am Herzen, »weil es so spannend ist herauszubekommen, wer das wohl getan hat«. Man geht derzeit davon aus, dass ein etwa 18 Meter langer Ichthyosaurier seinen Artgenossen am Wickel gehabt haben könnte, der Bissen aber selbst für diesen Riesen zu groß war. Zuerst hatte man den Fund nicht so wahrgenommen, weil das Fundstück total kaputt war, »doch dann haben wir gesehen, der Fund zeigt was Besonderes – und schon wieder ist man fasziniert«.
»Das ist wie bei der ersten Mondlandung«
Das Urwelt-Museum Hauff in Holzmaden ist das steingewordene Geschichtsbuch des Jurameers der Süddeutschen Bucht, aus deren Ablagerungen des Schwarzen, Braunen und Weißen Jura die Schwäbische Alb zum größten Teil besteht. Schmelzschuppenfische, Seelilien, Ammoniten, Belemniten, an Delfine erinnernde Ichthyosaurier (Fischsaurier), Plesiosaurier, Meereskrokodile und über dem Wasser die Flugsaurier prägten die faszinierende Meereswelt vor rund 200 Millionen Jahren und damit lange bevor vom Menschen überhaupt die Rede sein konnte. Der Posidonienschiefer um Holzmaden ist mit seinen Ablagerungen zu einer einzigartigen Fundstelle von Fossilien aus dieser Zeit geworden.
»Starb damals ein Fischsaurier, sank der Körper ab und verweste aufgrund des geringen Sauerstoffgehalts kaum«, erläutert Hauff. Mit der Zeit wurden sie von Meeresschlamm überdeckt und zusammengedrückt.
Die heutigen Präparationstechniken, feinste Sandstrahlmethoden, Diamant- und Hartmetallwerkzeuge sowie moderne Kleber erleichtern die Präparation. Mit ganz, ganz feinen Düsen lassen sich unter dem Mikroskop selbst Knochenstrukturen und Öffnungen von Blutgefäßen und Nervenendungen freilegen. Das war früher bei der manuellen Präparation mit der Schabetechnik bei allem Können nicht möglich. So lassen sich heute auch viele Stücke präparieren, die früher nicht zu präparieren waren. »Die Fundstücke sind wegen ihrer außergewöhnliche Erhaltung einzigartig auf der Welt.«
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Für den Laien ein Durcheinander, für den Forscher ein Leckerbissen. Die
Paläontologen rätseln, wer diesen Saurier so furchtbar zerbissen hatte.  Fotos: Jürgen Rahmig und Urwelt-Museum Holzmaden
Die Fundstücke aus Holzmaden kennt jedes Kind aus den Biologiebüchern der Schule. Dazu gehört vor allem das Prunkstück des Museums, das Relief einer in zwei Jahrzehnten Arbeit freigelegten Seelilien-Kolonie. Die Kolonie dieser Verwandten der Seesterne bedeckt eine Fläche von rund 100 Quadratmetern. Die Wissenschaftler sind auf die Aufmerksamkeit der Arbeiter in den Schieferbrüchen angewiesen. Wenn deren geschulter Blick etwas entdeckt, was nach einem Fossil aussieht, rufen sie die Spezialisten, die das Stück dann bergen.
»Die Fundstücke sind einzigartig auf der Welt«
Für Hauff und seine Frau ist das Museum zur Lebensaufgabe geworden. Doch wie können sie das größte, privat geführte naturkundliche Museum Deutschlands ohne staatliche Hilfe finanzieren? Es gibt einen speziellen Museumsladen, und dort finden sich originale Funde, aber auch Abdrücke, die von Sammlern, andere Museen und Leuten, die ein außergewöhnliches Deko-Objekt fürs Wohlzimmer suchen, gekauft werden können. Die Stücke gehen in alle Welt. Selbst im Vatikan gibt es Fossilien aus Holzmaden, und Promis wie beispielsweise Boris Becker haben welche zu Hause.
Wer Lust hat, kann im Schieferbruch Kromer im benachbarten Ohmden selbst Schieferplatten klopfen. Dort findet man tatsächlich Fossilien. Das ist vor allem für Kinder und Schüler ein großer Spaß. Rund 400 Schulklassen jährlich besuchen das Museum. Für die jungen Besucher stehen im Außenbereich auch Riesenmodelle von Dinos, die einst auf dem Land gelebt haben. (GEA)
 
VIER GENERATIONEN HAUFF IN HOLZMADEN
Von der Schwelanlage über die Kalkbrennerei zum Museum
Angefangen hatte es im 19. Jahrhundert mit Alwin Hauff, der in Tübingen Chemie studiert hatte und bei Holzmaden Öl aus dem Schiefer gewinnen wollte. Später wurde die Schwelanlage jedoch zur Kalkbrennerei – der Beginn der Schieferindustrie. Das Interesse seines Sohnes Bernhard galt den Versteinerungen, die man dort fand. Er präparierte sie mit speziell dafür entwickelten Werkzeugen. Die Präparation eines Ichthyosauriers mit vollständiger Hautbekleidung war eine Sensation und trug ihm 1921 die Ehrendoktorwürde der Uni Tübingen ein. 1936/37 entstand aus seiner Sammlung das erste Museum. Sein Sohn Bernhard Hauff jun. baute das Museum 1967–1971 neu, und dessen Sohn, der heutige Leiter des Museums Rolf Bernhard Hauff, errichtete den Erweiterungsbau, modernisierte das Museum mit Modellen, Computeranimationen und einem Dinopark. (jr)

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