Prof. Günter Faltin, „Kopf schlägt Kapital“ (3. Auflage) – Probieren geht doch über studieren?

Prof. Günter Faltin, „Kopf schlägt Kapital“ (3. Auflage) – Probieren geht doch über studieren?


Ein höchst lesenswertes Buch. Prof. Faltin ist nämlich nicht ‘nur’ Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin, sondern mit seinem „Teekampagne“-Geschäftsmodell (www.teekampagne.de) bereits seit rund 20 Jahren auch deutscher Marktführer im Teeversandhandel.  Weil der Autor selbst erfolgreicher Unternehmer & Gründer ist, kann er souverän Fragen zu Unternehmensgründung und Geschäftsmodellen adressieren, zudem schreibt er geradezu unakademisch (nämlich flüssig und leicht lesbar).  Eigentlich handelt es sich hier um 2 Bücher, die im Untertitel so angedeutet werden: „Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen“ und „Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein“. Prof. Faltin beginnt sein etwa 250-seitiges Taschenbuch mit einer ausführlichen Schilderung der „Teekampagne“, seines erfolgreich umgesetzten Konzepts, Tee in Großpackungen über Versandhandel an Endverbraucher zu vertreiben. Dieses und weitere Beispiele (u. a. Olivenöl und Bürodienstleistungen, MIGROS Schweiz, Grameen-Bank Bangladesch) sind m. E. die wesentlichen Buchbeiträge und illustrieren eine „ganz andere Art“ der konzeot-kreativen Unternehmensgründung – nämlich mit einem stringenten, intensiv ausgearbeiteten einzigartigem Konzept anstatt lediglich einer Kopie oder einer flüchtigen Eingebung. „Am Anfang muß die Idee stehen: Was fehlt wo? Was will ich verbessern?“
Eine Hauptthese ist, daß bei vielen Gründungen zuwenig Gehirnschmalz ins Konzept geht, das Konzept also oft ein Stiefkind ist. Prof. Faltin grenzt besonders an dieser Stelle seinen „Entrepreneurship“-Ansatz von „normalen“ formalen Vorgehensweisen ab, wie sie üblicherweise in akademischen Lehrveranstaltungen und Gründungsberatungen dargestellt werden. Ein „konventioneller“ Teehändler wird zitiert: „Es brauchte jemand wie Sie, der völlig von außen, völlig respektlos gegenüber den eingefahrenen Abläufen dachte.“
Interessante Abschnitte finden sich zu „Sinn und Unsinn von Businessplänen“, in denen der Autor genüsslich provoziert: „Stellen Sie sich vor, Sie sollen die 57. Minute eines Fußballspiels vorhersagen. Völliger Schwachsinn, sagen Sie?“ Der Autor stellt seine Aussagen jedoch nicht zur Unterhaltung in den Raum, sondern untermauert diese stets wissenschaftlich: zum vorgenannten Thema wird aus einer universitären Studie zitiert, „daß selbst die Gewinner von Businessplan-Wettbewerben nach fünf Jahren keine überdurchschnittliche Performance am Markt haben.“
Keinesfalls wird hier jedoch eine „Dünnbrettmethode“ propagiert. Für erfolgreiche Start-Ups stellt Prof. Faltin sogar besonders strenge Kriterien auf —  „… das innovative Element des eigenen Konzepts ist ein wichtiger Faktor für das Überleben.“ In der ebenfalls hochinteressanten Fallstudie Bürodienstleistungen klingt das dann so: „Wer neu auf den Markt kommt, sollte doppelt so gut und halb so teuer sein wie die Konkurrenz“. Nicht die Ressource, sondern das Konzept gibt den Ausschlag!
„Go for a Cause“
Im anderen Teil des Buches, wiewohl beide Teile inhaltlich und textlich ineinander greifen, geht es um „die Lust, ein Entrepreneur zu sein“. Die Frage „Sie wollen ein Unternehmen gründen, was ist dazu wichtig?“ beantwortet er unkonventionell, u. a. so: kaufen Sie möglichst viele erforderliche Dienstleistungen hinzu und laufen Sie nicht in die Falle, alles selbst machen zu wollen. Das Wissen um die eigene Unwissenheit führt zu Kooperationen bei und Zukauf von Leistungen, also dem „Gründen mit Komponenten“. Faltin zitiert gerne, oft und gut in seinem Buch, zu diesem Thema zum Beispiel so: „Von Motoren habe ich nie etwas verstanden. Dafür hatte ich meine Ingenieure“ – Enzo Ferrari (immerhin). Gerade hier sehe ich besonders wertvolle Anregungen, dann mit dem beschriebenen „Zaubertrank aus Konzept plus Komponenten“ können anfangs Kapitalerfordernis, sprich Eintrittsbarrieren gesenkt und später der Break-Even-Punkt niedrig gehalten werden, zudem ergeben sich Zeitvorteile.
Eine starke Macher-Neigung und Freude am Führen, anstatt alles neu und selbst erfinden, das Eingehen auf neue „Sichtachsen“ sind laut Prof. Faltin wesentliche Bestandteile des Entrepreneur-Sein, der „aus Fehlern (lernt) und (…) Rückschläge nicht als Niederlage (erlebt )“. Er bringt dazu die Analogie des Komponierens; auch das Orchester-Dirigieren hätte es gut beschrieben. Selbstverständlich ist, daß ein erfolgreicher Entrepreneur den Erfolg „wirklich, wirklich wollen“ muß. Während viele Start-Up-Bücher die Wichtigkeit bestimmter Persönlichkeitsmerkmale bei Gründern betonen, konstatiert Prof. Faltin: „Es gibt keine herausragenden Eigenschaften, die vorneweg erforderlich wären, will man erfolgreich zum Gründer avancieren.“
In der nächsten Auflage würde ich gerne einen Update mit Blick auf die Möglichkeiten des ‚Web 2.0‘ sehen und weitere konkrete Fallbeispiele & Kritiken. Zum Beispiel: Wie unterscheidet sich die Teekampagne von der (etwa zur gleichen Zeit realisierten) Vertriebswegeinnovation von Dell? Warum hat der Teehandel damals nicht mit Gastronomie-Packungen ‚zurückgeschlagen‘? Bietet die Eigenschaft Großpackung auch zukünftig  noch besonderes Potential? Falls ja, warum haben sich US-Einzelhandelskonzepte* mit Großmengen-Strategien wie Sam’s Club oder Costco hierzulande noch nicht etabliert? (Heute teilt mir der markführende deutsche Lebensmitteldiscounter mit: „kartonweise Billig-Preise“ – tiefere Niedrigpreise bei Abnahme von mehreren üblichen Packungseinheiten.) Können ‚Kopierer‘ wie Rocket Internet langfristig Erfolg haben? Ist Faltins ‚Entrepreneurial Design‘ gleichzusetzen mit ‚Geschäftsmodell‘? Damit könnte das Buch noch aktueller sein, auch für Internet-Gründer.
Wesentliche Aussagen von „Kopf schlägt Kapital“ spiegeln sich in diesem schönen Zitat von Anita Roddick, der Gründerin & Chefin von ‚The Body Shop‘, wider: „Das Geheimnis heißt weder Wissen noch Geld. Was man braucht, ist Optimismus, ist Zuneigung, Enthusiasmus, Intuition, Neugier, Liebe, Sinn für Humor und Freude, Magie und Spaß —  kurz: ein Schlückchen vom Zaubertrank Euphorie. Nichts davon findet man im Lehrplan einer Business School.“
Mit seinem unkonventionellen Ansatz hat Prof. Faltin nicht nur den „Proof of the Pudding“ erfolgreich absolviert, sondern in Form dieses Buches einen „Mutmacher mit Überzeugungskraft“ für Gründer, für seine Fachkollegen und professionelle Wagnisfinanzierer einen ‚Denkzettel‘ vorgelegt, nunmehr bereits in der 3. Auflage. Ich empfehle das Buch wärmstens, ohne Wenn & Aber.

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Günter Faltin, „Kopf schlägt Kapital“, 3. Auflage, 2013. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München (Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags). Teil des Buches ist eine umfangreiche Bibliografie. Prof. Faltin ist zudem als Business Angel und Start-Up-Coach tätig, im Jahre 2001 errichtete er in Berlin die ‚Stiftung Entrepreneurship‘.
*Als „Warehouse Clubs“, in denen auch Privatleute Mitglied sind.
 
 

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