Meinhard von Gerkan, „Black Box BER — Vom Flughafen Berlin Brandenburg und anderen Großbaustellen — Wie Deutschland seine Zukunft verbaut“

Meinhard von Gerkan, „Black Box BER — Vom Flughafen Berlin Brandenburg und anderen Großbaustellen — Wie Deutschland seine Zukunft verbaut“

 
Dieses Mitte 2013 erschienene, äußerst lesenswerte Büchlein befasst sich, wie zu erwarten, vorrangig mit dem Berliner Flughafen-Desaster, liest sich stellenweise aber wie ein Krimi. Der Autor, ein Architekt von Weltrang, zieht aus dem Skandal um „seinen“ Hauptstadtflughafen sowie vielen weiteren Bauprojekten kontrovers-plausible Schlüsse und zwingt die Politik & ganz allgemein die Öffentliche Hand, auf jeden Fall Aufsichtsrat und Vorstand der Betreibergesellschaft Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, so in die Gegenbeweispflicht. Trotz des ernsten Themas ein Lesevergnügen, das ich sehr empfehle. Für Architektur- und Bauingenieurstudenten: Pflichtlektüre!   Herr von Gerkan reklamiert überzeugend für sich, für den Flughafen Berlin die „Kardinaltugenden eines Bauwerks: Festigkeit, Nützlichkeit, Schönheit, Beständigkeit“ im Sinn gehabt und mit Signalarchitektur so etwas wie eine „Kathedrale der Geschwindigkeit“ geplant zu haben. Als „Bad Guys“ werden ein sensationslüsterner kleinteiliger Boulevardjournalismus sowie v. a. wunschdenkende Politiker ausgemacht – „… Bauherren, die mit möglichst wenig Aufwand, möglichst schnell und kostengünstig, also billig, einen möglichst großen, mit einer Klimahülle versehenen Raum bauen lassen, um maximalen Profit aus der Vermarktung der Immobilie zu schlagen“. Eigentlich bedarf es keiner Erwähnung: was der Autor unter großartiger Architektur versteht, wie er diese entwickelt und ‘dialogisch’ umsetzt, wird bewundernswert klar & ausführlich mit ‘teurer Massenware’ kontrastiert.
Viele mangelhafte Großprojekte
Sehr illustrativ sind viele weitere vom Autor sezierte Fälle: u. a. Schürmannbau Bonn, Millenium-Brücke London, Flughafen Charles de Gaulle Paris (Terminal 2E), Berliner Hauptbahnhof, Opernhaus Sydney, Vietnamesisches Nationalparlament Hanoi, Elbphilharmonie Hamburg, „The Squaire“ Frankfurt und natürlich Stuttgart21 – geschrieben nicht ohne Ironie: „Der Turmbau zu Babel … gilt (…) historisch gesehen als die erste ‚Bausünde‘ der Menschheit“.
Auch ästhetische Diskurse finden sich: ein Reispapierschirm wird liebevoll skizziert als „… Inkarnation alles dessen, was ich beim Bauen für sinnvoll und richtig halte: einfache Materialien … zu verwenden, zweckmäßige und nicht komplizierte Techniken, …. und dabei ein Objekt zu erzeugen, das eine … unverwechselbare und hohe Ästhetik besitzt…“ mit hoher Funktionalität. In elegantem Schreibstil werden darüber hinaus Gedankenlinien zu historischer und moderner Architektur, auch mit Verweisen auf van der Rohe, Schinkel, Lenné u. v. m., gezogen. Also auch gehaltvolle Bildungslektüre auf hohem stilistischen Niveau.
Wer das urdemokratische Prinzip des „Man höre auch die andere Seite“ vertritt, findet hier viel konstruktive Widerrede und Aufrufe zu „… (kritischem) Umgang mit unserer Berichterstattung und ihrem Hang zur „Skandalarithmetik“, zu „… reichlich Skandal um BER, viel Getöse, Halbwahrheiten und Zeitungsenten. Beim Kampf um die Ressource Aufmerksamkeit geht es recht hemdsärmelig zu“ — „nach dem Prinzip: nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, bis hin zum vermuteten „Selbsthaß“.
Wir ändern auch die Änderungen*

Besonders interessant: Herr von Gerkan erklärt (meiner Kenntnis nach als Einziger) schlüssig, warum es zu den häufigen Zeitüberschreitungen bzw. Verschiebungen beim Flughafenprojekt BER kam: „In den Bautagebüchern (…) wurden … die roten Warnpfeile (der Architekten, Anmerkung U. L.), die darauf hinwiesen, daß Termine nicht zu halten seien, (…) in gelbe Ampeln verändert, die signalisierten, daß die Terminvorgabe erfüllt werden kann, wenn auch nur mit besonderen Anstrengungen. Diese ‚bereinigten‘ Berichte wurden an den Aufsichtsrat weitergeleitet.“ Als Steuerzahler bedanke ich mich für diese Erklärung. Aber wer sorgt dafür, daß dies – in der Situation einer „Agonie der Expertokratie“ — nicht wieder passiert? Wer in Politik oder Bürokratie haftet bei fahrlässiger Ahnungslosigkeit, bei Dilettantismus? Was wird nun gegen die beschriebenen Mißstände getan?
Die aktuell wieder im Vordergrund stehenden Brandschutzprobleme des BER haben übrigens nichts mit dem Architekten zu tun. Hier geht es um Bauausführung und einen — aus meiner Sicht — fehlenden “Regulierungs-Freeze”: der Flughafen muß , solange er noch Baustelle ist, alle relevanten sich weiterentwickelnden Brandschutzvorschriften erfüllen. (Was wäre, wenn Ihr Privat-Kfz immer alle neuen oder erweiterten Emissionsvorschriften erfüllen müsste, damit er noch gefahren werden dürfte?)
Das Buch ist aber keinesfalls nur Selbstverteidigung eines “eitlen Architekten”, sondern mahnt mit Verve Lösungen für große Defizite unseres politischen Handels an – für mich sein eigentlicher Wert. Daß oftberichtete Problempunkte & Sollbruchstellen von Bau-Großprojekten bekannt und eigentlich auch schon verstanden sind, aber nichts dagegen unternommen wird, stimmt deshalb sehr nachdenklich. Der Autor zählt acht (7 + 1) „Plagen des Bauens“ auf, die mit ebenfalls beschriebenen „größten Kunstfehlern des Bauens“ für Architekturstudenten und Studenten angewandter Politikwissenschaft ein Füllhorn an Themen für zukünftige Semester-, Bachelor und Masterarbeiten mit Praxisbezug bieten dürften.
Ich wünsche dem Autor viele Leser und empfehle sein brillantes Buch daher von ganzem Herzen!
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Meinhard von Gerkan, „Black Box BER .—Vom Flughafen Berlin Brandenburg und anderen Großbaustellen — Wie Deutschland seine Zukunft verbaut“. Hardcover im handlichen Oktav-Format, rd. 150 Seiten, erschienen im August 2013 im Quadriga Verlag, Berlin (Bastei Lübbe Verlag GmbH & Co. KG). Mit vielen Fotos, Bauplänen und einer Grafik im Buchumschlag. Einige zitierte Textstellen sind in meiner Rezension lediglich auszugsweise widergegeben.
*Insider wissen, woher ich diese Überschrift nahm. Ich bitte, mir eine eventuelle Copyright-Verletzung zu vergeben.
 

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