Unter Strom

Unter Strom

Im September 2013  /  Mehr und mehr wird klar, daß bei der sogenannten Energiewende der (uns Deutschen nachgesagte) Idealismus und die dazugehörigen „Gutmenschen“ die Oberhand gewonnen haben — und zwar in recht übertriebener Weise. Der Glauben an die gute Sache reisst uns mit: Fakten werden ausgeblendet, geradezu inquisitorische Anfeindungen nehmen zu gegenüber Kritikern oder gar Zweiflern. Argumente Pro & Contra werden schrill zu Glaubens- und Überlebensfragen stilisiert. Warum müssen wir dieses Thema dennoch nüchtern und ohne Selbsttäuschung diskutieren? Aktuellen Zahlen und Prognosen zufolge hat Deutschland sich mit der „Energiewende“ auf den richtigen Weg begeben, aber in der Wahl der Mittel auf ein sehr teures Experiment eingelassen. Trotz einer bisher auf Kohle und sicherer Atomkraft basierender Energieerzeugung und –versorgung unseres Landes, trotz Entdeckung und beginnender Exploration gigantischer Gasfelder in den USA, trotz ständiger Zunahme von Erdölreserven wollen wir, so scheint es , finanziell mit dem Kopf durch die Wand. Einige Kommentatoren argumentieren sogar: ohne Rücksicht auf Verluste.
Augen zu und durch?
Der im wahren Wortsinne bedingungslose Ausstieg aus der Atomkrafterzeugung und ein „koste-es-was-es-wolle“-Hochfahren von Wind- und Solarkraftwerken jetzt erscheinen hastig, fast maßlos, wenn wir einen Blick über die Grenzen zu unseren Nachbarn wagen:
–          Wir haben Strompreise seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt, für Privatverbraucher auf nunmehr rd. 29 Cent je Kilowattstunde. Industriestrom hat sich sogar um den Faktor 2,5 verteuert, ist also (anders als von so manchem wahlkämpfendem Politiker kolportiert) noch stärker gestiegen als Haushaltsstrom (!)
–          Die Einspeisevergütungen für Solar- und Windkraft haben sich im gleichen Zeitraum von nahe Null auf EURO 20 Mrd. (in 2013) erhöht. Dieses Jahr sind das mehr als EURO 240 pro Kind, Frau, Mann, Arbeitnehmer/in, Rentner oder Rentnerin unserer Bevölkerung — weitere Zunahme garantiert, wenn nichts geschieht.
Bei Privathaushalten stehen wir damit, was Strompreise angeht, in Europa an der Spitze, nämlich bei 136% des EU27-Durchschnitts. Was bringt eine Atomstrom-„Politik der ruhigen Hand“ einem Volk, das sich offensichtlich nicht so leicht in Panik bringen lässt wie wir? In Frankreich einen Strompreis, der für Privatverbraucher bei 54% des deutschen Niveaus liegt.
Beim Industriestrom, der für uns als Export-„Weltmeister“ von großer Bedeutung ist, sieht es nicht anders aus. Die Niederlande, Großbritannien, Italien, Frankreich und Spanien liegen bei den Preisen/Kilowattstunde jeweils deutlich unter uns. Die Vereinigten Staaten ziehen allen europäischen Staaten davon, dort wird bereits seit dem Jahr 2000 konsequent eine Energie-Sonderkonjunktur gefahren durch zunehmende Nutzung von Schiefergas. Deren strategische Vorkommen tragen mittlerweile mehr als 20% zur US-Gasförderung bei. Das Ergebnis: ein Industriestrompreis, der durchschnittlich bei 48% des deutschen Niveaus liegt (!) Das kann langfristig nicht so bleiben, ohne daß Unternehmen gezwungen sein werden, energieintensive Produktionsschritte zurückzufahren oder sogar zu verlagern.
Wir brauchen wieder Augenmaß
Alle diese für Deutschland negativen Trends werden weiterlaufen, wenn wir uns nicht aufrappeln und schwerpunktmäßig das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und hier v. a. Einspeisevergütungen anpassen in Hinsicht auf eine vernünftige Angebots- und Nachfragedeckung.
Gelingt dies nicht, werden weitere negative Aspekte des Nichthandelns sich auftun bzw. verstärken: große Energieversorger entlassen Mitarbeiter, legen „konventionelle“ Kraftwerke still und streichen ihre Investitionspläne zusammen. Lokale Energieversorger fahren Verluste, weil sie – mangels Einsicht in die wirklichen Auswirkungen des EEG – getätigte Fehlinvestitionen in „konventionelle“ Stromverteilung (und punktuell sogar –erzeugung) abschreiben müssen und auf nicht-kostendeckenden unverkäuflichen Großanlagen sitzenbleiben. Der Ausbau einer kapazitativ ausreichenden Stromverteilinfrastruktur wird verzögert und verteuert.
Im Ergebnis steigen Strompreise für uns alle weiter, jahrzehntelang, wenn wir nicht bald zu Ruhe und Einsicht zurückkehren. Und bereits in nicht allzu ferner Zukunft könnte das auch deutsche Arbeitsplätze spürbar gefährden. Hoffen wir also auf eine gelassene “Ruhe nach dem Wahlkampfsturm” und auf die Bereitschaft, sich diesem Thema ‘unidealistisch’ zu stellen. Eine vernünftigere Balance von Ökologie und Ökonomie ist gefragt. Und dann können wir, so wie wir es uns eigentlich wünschen, richtig stolz sein auf “die deutsche Energiewende” — ohne bitteren Nachgeschmack.
 

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