Russische Sanktionen: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Russische Sanktionen: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Die Sanktionen Russlands für Lebensmittel aus der EU und Nordamerika haben eine innerrussische Reaktion ausgelöst wie kaum eine andere Maßnahme der Regierung in Moskau in der letzten Zeit. Die Änderungen des Internetgesetztes (jedes Web-Angebot, das mehr als 3.000 Besucher am Tag hat, muss sich bei der Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor als Massenmedium registrieren lassen und die Betreiber können für alle User-Kommentare haftbar gemacht werden), das Dekret №758 vom 31. Juli 2014 (Verbot anonymer Internet-Zugänge in der Öffentlichkeit, Zwang zur Benutzerauthentifizierung) – diese und weitere Einschränkungen sind in der russischen Öffentlichkeit weitgehend unkommentiert geblieben.
Doch nun geht es ans Eingemachte, im wahrsten Sinne des Wortes. Mit den Sanktionen hat die russische Regierung eine beinahe schon hysterische Diskussion hervorgerufen. Auf der einen Seite stehen rund 80% der russischen Bevölkerung, die von Prosciutto und Mascarpone noch nie etwas gehört haben und denen es auch früher herzlich egal war, ob norwegischer Lachs in der Kühltheke liegt oder nicht. Diese Bevölkerungsschichten bescheren Wladimir Putin eine Zustimmungsquote für seine Politik, die er noch nie zuvor hatte.
Auf der anderen Seite jedoch steht die russische Mittelschicht, die schnell noch versucht, so viel wie möglich von den begehrten westlichen Lebensmitteln einzukaufen. Es kursieren schon Listen mit Produkten, die es weiterhin geben wird, Tipps für den Bezug der verbotenen Früchte aus anderen Regionen dieser Erde und Diskussionsrunden, wie man diese Lebensmittel durch russische Produkte ersetzen könnte.
Der Comedian Semjon Slepakov hat es schon vor zwei Jahren auf den Punkt gebracht: “Купи говно” (“Kauf Sch…!”)! (https://www.youtube.com/watch?v=-e00TPb9HmI#t=13). In diesem bissigen Spottlied geht es darum, nur einheimische Produkte zu kaufen, egal wie schlecht sie auch sein mögen – zum Wohle Russlands und seiner Produzenten. Und hier kommt das Zitat von oben aus Berthold Brechts Dreigroschenoper gerade recht: es bleibt abzuwarten, ob die Mittelschicht, die das Potential hätte, Russland nach vorn zu bringen, die Einschränkungen in ihrer persönlichen Lebensqualität so klaglos hinnimmt wie alle anderen Einschränkungen vorher.
Für die russische Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie ist die Entscheidung eine zweischneidige Angelegenheit. Vordergründig wird natürlich die Nachfrage nach einheimischen Produkten steigen und das ist auch gut so. Jedoch sind die meisten der Produkte schon jetzt nicht konkurrenzfähig in Qualität und Preis, mit den Sanktionen fällt der Druck, sich dem Wettbewerb zu stellen. Auf der anderen Seite werden die Preise für einheimische Fleisch- und Milchprodukte sowie Obst und Gemüse steigen, schon jetzt ächzt Russland unter einer hohen Inflationsrate. Das wird dann auch diejenigen betreffen, die bisher schon fast ausschließlich russische Lebensmittel gekauft und sich mit den Maßnahmen Putins einverstanden gezeigt haben.
Schon jetzt lässt sich sagen, dass der Effekt der russischen Sanktionen auf die europäische und amerikanische Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie gering bleiben (vielleicht mit Ausnahme von polnischen und litauischen Obstproduzenten), der Einfluss auf die russische Bevölkerung dagegen deutlich größer sein wird.
Den immateriellen Schaden bei all diesen Aktionen jedoch, den werden wir noch viele Jahre spüren. Nicht nur in Russland, sondern auch bei uns in Europa.

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